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„Post-Indie-HipHop-Pathos-Pop“ – Nummer 1-Album aus Mannheim „Post-Indie-HipHop-Pathos-Pop“ –
Nummer 1-Album aus Mannheim

Fast krampfhaft versuchen deutsche Medien, Caspers neue Platte „Hinterland“ in ein Genre-Mosaik aufzudröseln. „Eine Art Post-Indie-HipHop-Pathos-Pop“, höre ich im ZDF, „‘Hinterland‘ ist mehr Springsteen als Jay Z, voll von Referenzen an Americana, Folk und Rock ’n‘ Roll“, lese ich in der Süddeutschen. Allein aus kommunikations-taktischer Sicht ist „Hinterland“ ein geschickter Schachzug. Es eckt an, weil es nicht definierbar ist. Es teilt das ganze HipHop-Lager in Liebe und Hass. Es polarisiert. Künstlerisch abseits des Mainstreams, genreübergreifend und –aufbrechend, geht das Album direkt von 0 auf 1 der Albumcharts und findet sich plötzlich wo wieder? Im Mainstream.

Der ein oder andere Musikkritiker gerät in akute Erklärungsnot. Wie konnte das passieren? Eine so gute Platte, intelligente Texte, Lieder mit Geschichten, völlig authentisch – auf Platz 1 der Albumcharts? Ist das nicht dem Durchschnittspop vorbehalten? Das mag zynisch klingen, ist aber weitverbreitete Einstellung zum Mainstream. Nicht nur bei Musikkritikern (natürlich sowieso nicht bei allen), sondern bei allen, die sich durch Musik individualisieren. Wer kennt es nicht, dass sich Skepsis und Ablehnung aufbauen, wenn etwas einen totalen Hype auslöst? „Ich glaube, dass Deutsche ein extrem schwieriges Verhältnis zur Popmusik haben. Sobald der Stempel ‚Pop‘ kommt, ist es fürchterlich“, beschreibt Casper in einem Interview im ZDF genau dieses Phänomen. „Pop“ und „Mainstream“ – Zwei Begriffe, die in Deutschland oft in erster Linie mit kommerziellen Ansprüchen und Durchschnittlichkeit in Verbindung gebracht zu werden scheinen. Warum eigentlich?

Caspers glücklicherweise mangelndes Klischee- und Genre-Denken ist wesentlicher Erfolgsfaktor. Er ist zu sehr Künstler, um sich einzig und allein als Hip-Hopper zu identifizieren. „Ein Künstler, der sich weiterentwickeln will, muss seine Comfort-Zone verlassen und über den eigenen Tellerrand hinaus schauen“, erzählt er in einem weiteren Interview. Für diese Weiterentwicklung hat er sich für sein aktuelles Nr.1-Album Produzenten aus ganz anderen Bereichen zur Hilfe geholt. Mit Markus Ganter und Konstantin Gropper, beide haben Popmusikdesign an der Popakademie Baden-Württemberg studiert, ist das Klangwerk in einem Keller im Mannheimer Stadtteil Jungbusch produziert und mit geschrieben worden. Multiinstumentalist Gropper, international bekannt durch sein Projekt Get Well Soon, steht viel mehr für gefühlvollen Indierock. Ganter hat sich als Produzent für Sizarr bundesweit einen Namen machen können, ist somit auch eher dem Indie-Pop zuzuordnen.

Es scheint genau die richtige Mischung, das Wagnis unterschiedlicher Kreativer, eigenes Neuland zu betreten und sich selbst einfach überraschen zu lassen. Mir persönlich ist es egal, ob oder welchem Genre dieses Album zugeordnet wird. Ich kann nur jedem Fall empfehlen, dem Hype zum Trotz ins Hinterland hinein zu hören.

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